Liechtensteiner in Groß-Ullersdorf

Im Jahr 1802 gerieten die ursprünglichen Schlossbesitzer, die Herren von Zierotin, in große finanzielle Schwierigkeiten. Aus dem Grund war Ludwig Anton von Zierotin gezwungen, das Schloss an die Liechtensteiner zu verkaufen.

Der erste Besitzer des Schlosses war Karl III. Borromäus (1790–1865) von der Sekundogenitur in Mährisch Kromau. Dieser von Karls Großvater Karl Borromäus (1730–1789) angelegte Nebenzweig des Hauses Liechtenstein war auf der Herrschaft Mährisch Kromau ansässig. Es handelte sich beinahe um das einzige Vermögen dieser Linie, und vielleicht gerade deshalb wurde 1802 Groß-Ullersdorf zugekauft. Der eigentliche Kauf der Herrschaft Groß-Ullersdorf wurde von den Vormündern des jungen Karl III. Borromäus vorgenommen und die Herrschaft wurde anfangs von ihnen verwaltet. Unter Karl III. Borromäus wurden schrittweise umfangreiche Veränderungen des Schlossparks durchgeführt. Der verwahrloste Garten französischen Typs wurde zum englischen Landschaftspark umgewandelt. Nicht einmal die Innenräume des Schlosses blieben von Anpassungen verschont. Den größten Eingriff stellte der Umbau des Seitenflügels dar, der deswegen als Empire-Flügel bezeichnet wird. Diese Bezeichnung verdankt der Flügel der Fassade, während das aus drei repräsentativen Räumen bestehende Innere eher ein Beispiel des Biedermeiers darstellt. Es haben sich hier ursprüngliche Möbel sowie auch Wandverkleidungen und Gemälde erhalten.

Der zweite Liechtensteiner in Groß-Ullersdorf war Karls Sohn Rudolf Eugen (1838–1908), genannt „der schöne Prinz“. Unter Rudolf Eugen wurde der Schlosspark um eine Orangerie (1886) erweitert, die sich bis heute fast in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten hat. Im Inneren des Schlosses manifestiert sich Rudolfs Geschmack insbesondere in den Eingangsräumen der jetzigen 2. Führungsroute (Liechtensteiner in Groß-Ullersdorf), welche im Stil des Zweiten Rokokos eingerichtet sind. Es war gerade Rudolf, der im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Teil des sog. hohen Schlosses den ersten Besuchern zugänglich machte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es klar, dass Rudolf kinderlos sterben wird. Aus dem Grund hat Johann II. der Gute, der regierende Fürst von Liechtenstein, die Sekundogenitur aufgehoben. Rudolf lebte dann bis zu seinem Tod zurückgezogen auf dem Schloss in Mährisch Kromau.

                                                 Alois Gonzaga (1869 - 1955)

Noch zu Rudolfs Lebzeiten übernahm die Schlossverwaltung Alois Gonzaga (1869–1955) von der regierenden Primogenitur. Dieser sollte nach dem Tod seiner Cousins Johann II. des Guten (1858–1929) und Franz I. (1853–1938) zum regierenden Fürsten werden. Er heiratete jedoch Elisabeth Amalie Erzherzogin von Österreich (1878–1960). Elisabeth war eine Habsburgerin, die Schwester des ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand d'Este. So eine Ehe war allerdings für die Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns, einschließlich der Tschechoslowakei, politisch nur schwer annehmbar. Alois verzichtete aus dem Grund auf die Fürstenkrone zugunsten seines Sohnes Franz Josef II. (1906–1989), des Vaters des jetzigen Fürsten Hans Adam II. (1945).

Kehren wir aber zu Alois Gonzaga zurück. Dank seinen Bemühungen trat das Schloss in die neue Ära der modernen Welt ein. Es wurden hier Strom- und Wasserleitung und sogar eine Feuerlöschleitung eingeführt, und große Aufmerksamkeit wurde auch der neu errichteten Schlossküche gewidmet, die sich bis heute in ihrer ursprünglichen Form erhalten hat. Alois ließ sich vermutlich von seinem Onkel Johann II. dem Guten inspirieren, der mit ähnlichen Erfindungen das Schloss Eisgrub modernisiert hatte.

Trotzdem nimmt Groß-Ullersdorf eine einigermaßen besondere Stellung im Rahmen der von den Liechtensteinern bewohnten Burgen und Schlösser ein. Es wurde zuerst von der Sekundogenitur von Mährisch Kromau bewohnt. Ihre Angehörigen zeichneten sich als Soldaten im Dienste Österreich-Ungarns aus. Sie wurden eher durch Erfolge auf dem Kriegsfeld als durch Umbauten ihres Schlosses oder Sammeln von Kunstgegenständen berühmt. Eine Ausnahme stellte nur die Abschaffung des verwahrlosten französischen Gartens dar. Auch diese Maßnahme trafen sie jedoch eher aus utilitären Gründen, da sie nicht daran interessiert waren, das aufwändige Wasserleitungssystem des Gartens zu erneuern.

Ein weiterer Beweis für die abweichende Auffassung stellen Badezimmer und Toiletten dar. Im Gegensatz zu Sternberg oder Eisgrub, wo die Ausstattungsgegenstände der Wiener Firma Gramlick zu finden sind, wurde die Ausstattung des Schlosses Groß-Ullersdorf durch die Znaimer Porzellanfabrik Ditmar geliefert.

Einen interessanten Moment in der Schlossgeschichte stellte die Zugänglichmachung eines Teiles des sog. hohen Schlosses für die Öffentlichkeit im ausgehenden 19. Jahrhundert dar. Es war eine Folge der Abwesenheit des regierenden Fürsten Johann II. des Guten, der das Schloss in Eisgrub für die Zwecke der Präsentation der Liechtensteiner als einer altertümlichen und angesehenen Familie umbauen ließ. In der Burg Sternberg errichtete Johann II. eine sehr wertvolle und öffentlich zugängliche Galerie, wo er bedeutende Werke der Renaissance und des Barocks versammelte.

Im Gegensatz dazu präsentierte die damalige Führungsroute in Groß-Ullersdorf einen Querschnitt durch die Schlossgeschichte, deren einen Bestandteil natürlich auch die Liechtensteiner bildeten, der Schwerpunkt lag jedoch in den ursprünglichen Innenräumen und dem Mobiliar aus dem 17. bis 19. Jahrhundert.

In den 20er und 30er Jahren ging Alois Gonzaga an weitere Anpassungen der Innenräume des sog. niedrigen Schlosses und des Lustschlosses heran. Seine Familie wurde allmählich größer und neue Schlafzimmer erwiesen sich als notwendig. Das Lustschloss wurde für die Zwecke der Kinderzimmer adaptiert. Die Kinder erhielten eine Ausbildung in der Schlossschule, die sich in der Nachbarschaft der Kapelle befand. Bis zu heutigen Zeiten ist im Schloss eine fast vollständige Kinderbibliothek erhalten geblieben, die außer Märchenbüchern auch eine erhebliche Menge an Lehr- und Wörterbüchern enthält.

In der zweiten Hälfte der 30er Jahre wurden die Kinder langsam erwachsen und es reizte sie zu reisen. Alois errichtete aus dem Grund zwei Garagen, wo der österreichische Steyr Typ 50 und der eckige amerikanische Dodge geparkt wurden.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde ein Teil der Kratzputzverzierungen des Schlosses renoviert. Die Renovierungen wurden von Alfred Schneider aus Breslau durchgeführt. Im Keller wurde sogar ein Luftschutzraum errichtet.

Im Jahr 1945 musste Alois Gonzaga mit seiner Familie das Schloss verlassen, nachdem man ihm sämtliches Vermögen auf Grundlage der sog. Beneš-Dekrete beschlagnahmt hatte.